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Nachtfotografie in Köln: Zwei Stunden mit der Nikon Zf und meinem Budget Biotar-Klon

  • Autorenbild: Christian Windeck
    Christian Windeck
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 13 Stunden

Ein Abend und zwei Jungs ohne Plan

Vorgestern Abend war ich kurzentschlossen zwei Stunden lang mit meinem guten Freund Sascha – Künstlername alpha_sixtynine rund um den Kölner Hauptbahnhof unterwegs. Sascha ist der begnadetste Schwarz-Weiß- und Architekturfotograf, den ich kenne. Ich bin hingegen der Typ, der sich ein schweres chinesisches Vintage-Klon-Objektiv an seine Zf kloppt und dann schaut, was passiert. An diesem Abend sind rund 40 Fotos dabei herausgekommen, ein paar davon gefallen mir richtig gut, und eine erste Einschätzung zum 250 Euro TTArtisan 75mm f/1.5 Swirly Bokeh, die ich hier gerne mit Euch teile.



Warum überhaupt ein neues Objektiv?

Wer meine Videos kennt, weiß: Ich stehe auf diesen swirly, unperfekten Bokeh-Look. Den bekomme ich mit meinem Helios 44-2, einer sowjetischen Russenlinse aus den 1970ern, die ein Klon des Carl Zeiss Jena Biotar 58mm ist. Das Teil ist großartig – aber auch klapperig wie ein alter Trabi und bei Street-Fotografie mit offener Blende nicht wirklich zu gebrauchen. Schnell fokussieren, den Moment erwischen und gleichzeitig noch die Schärfe treffen? Mit dem Helios auf der Straße eher Glückssache.

Ich wollte also eine Alternative, die etwas länger ist (ich bin eher der schüchterne Streetfotograf), robuster sitzt und trotzdem diesen charakteristischen Look mitbringt. Meine Recherchereise hat mich über die nachfolgenden Stationen geführt:

  • Carl Zeiss Jena Biotar 75mm (Original): Heute noch sehr gefragt als Porträtobjektiv aus den 1930-1950ern. Preislich mit rund 2.000 Euro komplett jenseits von Gut und Böse.

  • Helios 40: Ebenfalls zig Jahrzehnte alt, 990 Gramm plus Adapter, über 1 Kilo Gesamtgewicht. Auf gar keinen Fall.

  • Meyer Optik Görlitz Biotar II: Neu erhältlich, super Formfaktor – aber mit 1.300 bis 1.400 Euro leider weit oberhalb meines Budgets

  • TTArtisan 75mm f/1.5: 250 Euro, neu, fühlt sich an wie aus einem Stück gefräst. Gekauft.



Das TTArtisan ist, mit ein paar kleinen kosmetischen Unterschieden, ein ziemlich exakter Nachbau des Biotar 75mm (Version Big B). Mit dem Adapter an der Nikon Zf kommt man auf rund 800 Gramm Gesamtgewicht – mehr als die Kamera selbst wiegt. Auf dem nächsten Bild seht Ihr, dass sie ziemlich "front heavy" ist. Für jemanden wie mich ist das Gesamtpaket dann fast schon zu schwer. Auf der anderen Seite - im Vergleich zu meinem Helios 44-2 ist es super stabil und es wackelt nichts.



Die Fotos aus Köln – was das Objektiv bei Nacht tatsächlich macht


Jetzt kommen alle Bilder unseres rund zweistündigen Photowalks. Ich habe fast durchgängig mit Blende 1.5 fotografiert am 24-Megapixel-Sensor der Nikon Zf, rund um den Kölner Dom, ober- und unterirdisch.



Was mir aufgefallen ist: Das Objektiv ist in der Bildmitte für ein Vintage-Glas bei dieser Lichtsituation erstaunlich scharf. Menschen, die 10, 15 Meter entfernt stehen, kommen bei offener Blende tatsächlich fokussiert raus. Zum Bildrand hin – sieht es anders aus. Die Schärfe bricht weg, und zwar deutlich und schnell. Und dann ist da noch das Ghosting: helle Bereiche bekommen einen weißen Schimmer, einen Schleier, der sich um Lichtquellen legt.



Wer das kennt bzw. erwartet und mag, freut sich. Wer cleane Optik gewohnt ist, wird sich erschrecken. Ich persönlich mag es sehr. Es zwingt den Blick in die Mitte und erzeugt diesen unperfekten Vintage-Look, den ich sehr schätze.


Was es nachts in der Stadt nicht ganz so einfach gibt: den klassischen swirly Bokeh-Effekt. Den habe ich nicht so krass gesehen, wie ich erwartet hatte. Dazu braucht es viele kleine, gleichmäßig verteilte Lichtpunkte im Hintergrund – das klassische Szenario ist Sonnenlicht durch Blätter im Wald. In der Stadt muss man den Effekt aktiv provozieren, die richtigen Hintergründe suchen, die Komposition danach ausrichten. Er entsteht nicht von alleine. Hier sieht man es im Ansatz. Die Bokeh-Balls in der Mitte sind kreisrund und an den Seiten katzenäugig konzentriert - hin zur Bildmitte. Mit mehr Lichtquellen an den Rändern wäre das hier "swirly as hell" geworden.




Hier jetzt alle Nachtfotos unseres Trips am Hbf





Mein (Zwischen-) Fazit zum TTArtisan 75mm 1.5 Swirly Bokeh


Wenn man nur die Nachtbilder aus Köln seht, könnte man sich fragen: Lohnt sich das TTArtisan? Ich finde: Ja – aber nicht unbedingt (nur) wegen seiner Nacht-Performance in der Stadt.


Ich habe das Objektiv am nächsten Tag im Wald ausprobiert. Die Bilder dazu kommen demnächst noch mal. Und da sieht man, wofür dieses Glas wirklich gemacht ist. Der swirly Bokeh-Effekt ist im richtigen Licht schlicht unfassbar. Die Bokeh-Balls in der Mitte rund, außen mit Katzenaugenform, konzentrisch angeordnet – das sieht komplett wild aus und gleichzeitig geordnet - eben dieser unverwechselbare Biotar-Look.


Für 250 Euro bekommt man eine neue Linse, die sich anfühlt, als würde sie die nächsten 300 Jahre überstehen. Das ist kein Schnäppchen-Plastik. Das ist ein ordentliches Stück Metall mit einem echten Charakter.


Kamera: Nikon Zf Objektiv: TTArtisan 75mm 1.5 Swirly Bokeh

Adapter: PHOLSY M42 to Nikon Z

 
 
 

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